20120801-bon-iver-arena-wien-tn-02.jpgDer von Fans und Kritik zum neuen Hohepriester des Folk auserkorene Justin Vernon verzückte die ausverkaufte Arena gestern mit neunköpfiger Band und ergreifenden Liedern.

Manchmal muss man sich schon wundern. Da gibt es für ein Konzert, bei dem sich so ziemlich jeder denken konnte, dass es ausverkauft sein würde, bis knapp eine Woche vorm Event gemütlich einen Eintrittsschein abzugreifen, und dann steht total plötzlich (!) "Sold Out" auf der Veranstaltungsseite und die gefühlte halbe Welt braucht gaaanz dringend noch Tickets. Das mag einen schon auf den natürlich ganz absurden Gedanken bringen, das für einige Personen erst das "Ausverkauft"-Siegel die Intention am Dabeisein so richtig weckt.

Das eher fadgasige Thema "Wetter", darf bei Freiluftveranstaltungen auch angesprochen werden. Hierbei in der Arena nicht unwesentlich: relative Windstille, damit die Schallwellen nicht aus der Suttn vor der Bühne davongeweht werden. Nun, das Wetter hat mitgespielt. Auch ein bisschen mitspielen durfte Sam Amidon, ein klassischer Singer/Songwriter, der seinen Part als Support brav, aber nicht zu aufregend herunterspielte.

Bei Konzerten bei denen man es runderherum lieber ruhiger hat, sei an dieser Stelle auch vor der Baumgrenze gewarnt. Das wäre dann die mit ein paar Bäumchen verzierte Linie auf Höhe des Mischpultes, auf der man zwar unbedrängter stehen, aber aufgrund der hohen Quasselstrippendichte auch eingeschränkter zuhören kann. Dafür bekommt man die ganze leckere (völlig unironisch gemeint!) Geruchspalette ab: Kräutertschick, Käsekrainer, Pommesfett, Duftfahnen von der Crepes-Bude). Memo für´s nächste Mal: trotzdem nach vorne orientieren.

Schön war die optische Verkleinerung der Bühne mithilfe eines wortwörtlichen Haderns (aus genau so einem bastelte sich der psychotrope Substanzen versprühende Scarecrow, einer der Bosnigel aus "Batman Begins", seine Maske), das vom Lichttechniker schön in warme Farbtöne getunkt wurde. Da traf es sich gut, dass die schwarze Luft rechtzeitig einfiel, um die visuelle Untermalung, zu der auch zahlreiche große Elektrokerzen gehörten, zur Geltung zu bringen. (Man kann sich das beschriebene auf unseren Konzertfotos vom Bon Iver Konzert ansehen).

Um 21h kam dann Justin Vernon auf die Bühne und hatte nicht weniger als 8 Mitmusikanten im Schlepptau. Das einst als Soloprojekt gestartete Projekt Bon Iver, ist also zur Folkpop-Bigband angewachsen. Geschuldet ist das auch dem breitflächigen Sound der aktuellen, selbstbetitelten Platte (logisch, die wurde ja auch von einer Horde an Musikern eingespielt), der live fantastisch und stimmungsvoll umgesetzt wurde. Dass zwei Schlagzeuger mitwerkten wäre zwar blinden Personen eher nicht aufgefallen, weil diese zu 99% synchron arbeiteten, allerdings ordneten sich die Musiker (sonst: Bläser, Streicher, Chöre) generell dem höheren Ziel der Klangverdichtung und des Crescendo unter. Darüber schwebte die beeindruckende Kopfstimme von Vernon, die zum einen Gänsehaut bewirkt und zum anderen dieses angenehme Gefühl in der Bauchgrube auszulösen vermag und so selbst das Herz zynischer Singles erweichen konnte. Jenen, sich gegenseitig durch die Haare wuschelnden Verliebten, war das verträumte Liedgut ohnehin der Schmusesoundtrack der Stunde.

Bei all den süßen Melodien und epischen Klangflächen konterkarierte die Wucht der vielen beteiligten Instrumente doch manchmal auch die zerbrechliche Intimität des wunderfeinen und melancholischen Songmaterials. 2, 3 Gitarrensoli, wie auch die nicht jeden Geschmack umschmeichelnden Stimmmodulationen, hätten auch subtiler eingesetzt werden dürfen. Das ist aber klitzekleines Nörgeln auf  höchstem Niveau, denn vom fabulösen Beginn mit Perth und Minnesota, MI, über das magische Holocene, dem mit einigen Disharmonien gespickten Hinnum, TX, Skinny Love, dem Hit aus "Greys Anatomy", oder der an Phil Collins gemahnenden picksüßen Kitschpophyme Beth/Rest war das ein ansonsten makelloser Auftritt, der keinen Zweifel daran ließ, warum Justin Vernon von Fans und Kritikern zum Heilsbringer der Folkmusik hochgepriesen wird.

  
Setlist:

1. Perth
2. Minnesota, MI
3. Michicant
4. Towers
5. Creature Fear
6. Hinnum, TX
7. Wash
8. Holocene
9. Blood Blank
10. Woods
11. Bracket, WI
12. Sinny Love
13. Calgary
14. Beth/Rest

Encore
15. Wolves Act I, Act II
16. For Emma